Schlagwortarchiv: Governance

Auf Trampelpfaden durch CiviCRM. Use-Cases, Aneignungsfähigkeit und kollektive Wissensinfrastruktur

CiviCRM ist eine freie Open-Source-Software für „Constituent Relationship Management“ oder auch „Citizen Relationship Management“, also für die Arbeit mit Kontakten und mit Vorgängen, die mit Kontakten in Verbindung stehen. CiviCRM stellt sehr viele mächtige Werkzeuge bereit, macht jedoch kaum Vorschläge zu Zwecksetzungen oder Arbeitsweisen.

Chaz Hutton: Desire Paths. London 2025. https://chazhutton.com

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Obwohl die Software seit über zwanzig Jahren entwickelt und weltweit eingesetzt wird, bleibt ihre praktische Aneignung bislang voraussetzungsvoll. Die Software ist nicht instruktiv. Mächtig wird sie vor allem in den Händen derjenigen, die bereits über das Wissen und die Methoden verfügen, wie und wozu solche Software eingesetzt wird. Entsprechend ist die vorhandene Dokumentation überwiegend feature-zentriert und entfaltet sich nur begrenzt entlang der Beschreibung einer realen Nutzungswirklichkeit.
Dieses Papier greift meine Überlegungen „Zur Überwindung einer suboptimalen Versorgung mit freier Open-Source-Software am Beispiel von CiviCRM“ auf. Weil eine Darstellung typischer Wege fehlt, wie Menschen ohne Vorkenntnisse organisatorische Probleme im Alltag mit CiviCRM lösen, bleiben Verbreitung und Nutzung der Software unter ihren Möglichkeiten.

Ich schlage daher zur Beschreibung funktionierender Wege der Nutzung den Begriff des „Trampelpfads“ („Desire Path“) als Leitmetapher vor. Weiterlesen

Zur Überwindung einer suboptimalen Versorgung mit freier Open-Source-Software am Beispiel von CiviCRM

[Abtract] Der Text untersucht die suboptimale Versorgung mit freier Open-Source-Software (FOSS) am Beispiel von CiviCRM, einer seit 20 Jahren weltweit für und von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) entwickelten Software für Constituent-Relationship-Management, die innerhalb der EU über ein hohes Marktpotential verfügt und bereits von Tausenden NGO innerhalb der EU genutzt wird. Die Suboptimalität der Versorgung mit CiviCRM wird im Text weder als temporäres Defizit noch als Ergebnis individuellen Versagens verstanden, sondern als stabiler Entwicklungspfad, der aus rationalen Einzelentscheidungen der beteiligten Akteure hervorgeht. Analytisch wird zwischen der Versorgung mit Softwarefunktionen und der Aneignungsfähigkeit der Software unterschieden. Der Text gliedert sich in vier Schritte: Er beschreibt zunächst eine beobachtbare Suboptimalität von Nutzung und Verbreitung, erklärt diese als emergentes Resultat rationaler Entscheidungen im Sinne des Kollektivgutproblems nach Mancur Olson und diskutiert anschließend institutionelle Governance-Ansätze in Anlehnung an Elinor Ostrom zur Überwindung der Suboptimalität. Ziel dieser Analyse ist es, das bislang nicht gehobene Wohlfahrtspotential der Software sichtbar zu machen und Ansatzpunkte zu identifizieren, mit denen dieses unter realistischen institutionellen Bedingungen gehoben werden kann. In einem Exkurs wird die bestehende Governance-Struktur von CiviCRM rekonstruiert und hinsichtlich ihrer Reichweite, Repräsentativität und Leistungsfähigkeit eingeordnet. Ergänzend enthält er eine Risikoanalyse mit Blick auf die geopolitische und rechtliche Verankerung zentraler Elemente der Governance von CiviCRM in den USA sowie einen explorativen Versuch, das Ausmaß der suboptimal gebundenen Ressourcen und Wohlfahrtspotenziale zumindest näherungsweise zu quantifizieren. Abschließend wird die bestehende Situation nicht nur als strukturelles Problem, sondern auch als strategische Chance interpretiert: insbesondere für Implementierungsagenturen, die durch standardisierte Leistungen, Skalierung und eine konstruktive Einbindung in Governance-Strukturen zur Transformation des bestehenden Entwicklungspfades beitragen können. Weiterlesen