Schlagwort-Archiv: Identität

Überlegungen zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gebrauchs von Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit des Fediverse.

Der Anlass für diesen Versuch ist die Ankündigung von Michael Blume am 27.01.2026, seine Serie des „morgendlichen Tässle Kaffee“ auf Mastodon zu beenden. Er schreibt, er stelle sich „mit Klarnamen täglich Anwürfen und Angriffen anonymer Accounts“ und beende seine jahrelange Serie als Zeichen stillen Protests in Folge der Attacken gegen ihn am Holocaust-Gedenktag. Dieser Vorgang macht mich betroffen und weckt in mir den Wunsch, ihm beizuspringen. Mehr noch aber führt Michael mir vor Augen, wie dringend es ist, hinsichtlich des Gebrauchs von Klarnamen, Pseudonymen und Kampfnamen begrifflich Klarheit zu gewinnen. Diese Klärung ist Ziel dieses Essays. Der bürgerliche Name stellt keine neutrale Form politischer Verantwortlichkeit dar, sondern er stellt eine institutionelle Kopplung zwischen Person, Biographie und politischer Äußerung her – mit erheblichen Folgen für Anerkennung, Konfliktverarbeitung und demokratische Deliberation. Es hat Gründe, warum Willy Brandt nicht als Herbert Ernst Karl Frahm in Erinnerung ist. Mein Ausgangspunkt ist, Identität als fragile Erzählung zu begreifen. In einer individualisierten Gesellschaft wird gerade dadurch jede politische Äußerung zum persönlichen Risiko. Denn die Poppersche Trennung von Person und Idee ist nicht gesichert. Pseudonymität und institutionelle Entpersonalisierung verstehe ich deshalb als Technik, politische Teilhabe zu stabilisieren. Das zeigt gerade der Blick auf Pseudonyme und Kampfnamen in der Geschichte. Namensführung verhält sich stets eben auch zur Struktur von Öffentlichkeiten. Weiterlesen

Bircken, Margrid: Victor Klemperers autobiografisches Schreiben. Zwischen Selbstdeutung und Chronistenzwang.

2007 habe ich die Tagebücher Victor Klemperers von 1933 bis Spätsommer 1945 gelesen. Durch die Auseinandersetzung mit der Kunst und Technik des Erzählens mittels des Neuen Funkkollegs des Hessischen Rundfunks und seines Begleitbandes, herausgegeben von Mentzer und Sonnenschein, bin ich für die Selbsterzählung als einer – wenn nicht der – Quelle des Erzählens sensibilisiert worden. Beim Packen von Umzugskisten bin ich nun auf das Sammelwerk von Siehr gestoßen, indem sich Margrid Bircken mit Klemperers autobiographischem Schreiben als solchem beschäftigt. Weiterlesen

Biedermänner, Brandstifter und Karrieristen. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 2)

Der folgende Beitrag ist die zweite Lieferung meiner Erörterung des Buchs „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität“von Jean-Claude Kaufmann, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Im folgenden werde ich kurz meine erste Lieferung zusammenfassen, um mich dann ausführlich Kaufmanns drittem Teil zu widmen. Kaufmann überträgt hierin seine Überlegungen zum Identitätsprozess auf die Gesellschaft, auf ihre Milieus und Phänomene. Unter der Überschrift des klassischen Dreiklangs „Voice, Exit and Loyality“ seziert Kaufmann individuelle und kollektive Verhaltensmuster, die quer durch alle Schichten in unterschiedlicher Form und Ausprägung zu Tage treten. Weiterlesen

Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1)

Dies ist eine Erörterung Jean-Claude Kaufmanns Buch „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität“, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Zuerst hatte ich dies in meinem damaligen Blog im August 2009 veröffentlicht, greife den Text hier aber in einer durchgesehenen und bearbeiteten Fassung wieder auf.
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