Überlegungen zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gebrauchs von Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit des Fediverse.

Der Anlass für diesen Versuch ist die Ankündigung von Michael Blume am 27.01.2026, seine Serie des „morgendlichen Tässle Kaffee“ auf Mastodon zu beenden. Er schreibt, er stelle sich „mit Klarnamen täglich Anwürfen und Angriffen anonymer Accounts“ und beende seine jahrelange Serie als Zeichen stillen Protests in Folge der Attacken gegen ihn am Holocaust-Gedenktag. Dieser Vorgang macht mich betroffen und weckt in mir den Wunsch, ihm beizuspringen. Mehr noch aber führt Michael mir vor Augen, wie dringend es ist, hinsichtlich des Gebrauchs von Klarnamen, Pseudonymen und Kampfnamen begrifflich Klarheit zu gewinnen. Diese Klärung ist Ziel dieses Essays. Der bürgerliche Name stellt keine neutrale Form politischer Verantwortlichkeit dar, sondern er stellt eine institutionelle Kopplung zwischen Person, Biographie und politischer Äußerung her – mit erheblichen Folgen für Anerkennung, Konfliktverarbeitung und demokratische Deliberation. Es hat Gründe, warum Willy Brandt nicht als Herbert Ernst Karl Frahm in Erinnerung ist. Mein Ausgangspunkt ist, Identität als fragile Erzählung zu begreifen. In einer individualisierten Gesellschaft wird gerade dadurch jede politische Äußerung zum persönlichen Risiko. Denn die Poppersche Trennung von Person und Idee ist nicht gesichert. Pseudonymität und institutionelle Entpersonalisierung verstehe ich deshalb als Technik, politische Teilhabe zu stabilisieren. Das zeigt gerade der Blick auf Pseudonyme und Kampfnamen in der Geschichte. Namensführung verhält sich stets eben auch zur Struktur von Öffentlichkeiten.

Inhaltsverzeichnis

1. Identität als Erzählung unter der Bedingung der Knappheit von Anerkennung

Bei Jean-Claude Kaufmann lernt man, dass Identität keine definitive Wahrheit besitzt, keine absolute Substanz. Man lernt aber auch, dass das gut so ist und jede andere Vorstellung eher ein durch Bürokratie begünstigter Irrtum. Das ist für viele sehr gewöhnungsbedürftig, weil wir unser ganzes Leben trainiert werden, identisch mit uns selbst zu sein. Als Lebenslauf, als Erwerbsbiographie, als Erzählung von Beziehungen und Hobbies. Es ist vor allem für jene schwer, die sich über ihre Jämmerlichkeit mit nichts anderem mehr trösten können, als mit Herkunft, Abstammung, Erbrecht oder Sprachgemeinschaft, etymologisch zuletzt auch verwandelt in das „Nationale“.

Die Individualisierung, verbunden mit den permanenten sozialen Brüchen, bringt dem Individuum große Unsicherheit. Zumal dann, wenn die eigene Existenzmöglichkeit, die eigene Existenzberechtigung ungewiß scheint. Das meritokratische, leistungs- und insofern defizitorientierte Bildungs- und Erwerbssystem ist womöglich weniger dafür gut, gelassene und großzügige Menschen zu machen, sondern eher ängstliche und neidische Biedermaier.

Von Unabhängigkeits- und Emanzipationsstreben kann unter den aktuellen Bedingungen selten die Rede sein. Der Mensch klammert sich noch an jede Institution als eine Stütze seiner wackeligen Selbsterzählung, wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz. Nichts ist kränkender, wird persönlich mehr als Angriff empfunden, als jemandem die Eignung für die Rolle abzusprechen, in der er sich zu erzählen versucht.

2. Die Forderung nach dem Klarnamen und die Unwahrscheinlichkeit ihrer Erfüllung

Inmitten all dessen mögen wir nun doch bitte alle mal Klarnamen annehmen, sobald wir uns in öffentlichen Diskussionen begegnen, noch dazu im Moment womöglich assymetrischer Machtverhältnisse und persönlich sehr realer Angriffsflächen. Als Bürger dürfen, ja müssen wir opponieren, wenn auch natürlich so artig wie irgend möglich. Gewaltfrei, gewaltlos in der Kommunikation. Mit Ich-Botschaften. Sachlich. Informiert. Ideologiefrei. Idealerweise, vor allem in der Rückschau, wenn alles nur noch Erzählung und Geschichte ist, mutmaßlich frei von Irrtümern. Und so weiter.

Dabei ganz im Vertrauen darauf, dass wir, sobald wir ausgesetzt sind – als Bewerber einem Auswahlverfahren, als Arbeitnehmer zur Disposition durch einen Arbeitgeber, als Auftragnehmer durch einen Auftraggeber, als Stipendiat durch einen Stipendiengeber, als Bittsteller durch einen Gönner, als Elternteil durch einen Lehrer (Sippenhaft) – noch von jedem Verdacht der Konfliktbereitschaft, der Konfliktfähigkeit und eines Konfliktpotentials frei werden, weil es entweder übersehen, verziehen oder gutgeheißen wird.

Irgendwie erscheint mir das unwahrscheinlich. Die Forderung nach Klarnamen erscheint historisch betrachtet keineswegs selbstverständlich. Politische Bewegungen haben über lange Zeiträume hinweg mit Pseudonymen und Kampfnamen operiert, teils systematisch – nicht aus Koketterie, sondern als Antwort auf eine asymmetrisch vermachtete Öffentlichkeit.

Im Gegenteil finde ich es erstaunlich und es macht mich neugierig, was das für Menschen sind, denen es gelingt, sich unter Klarnamen zu exponieren und sich zum Beispiel in ein Parlament wählen zu lassen. Ich stelle mir zum Beispiel die Frage, wer da wem hilft: Ist jemand Funktions- und Amtsträger oder gar Kandidat, weil ihn dieser Rahmen als Persönlichkeit stabilisiert? Oder ist er die Persönlichkeit, die einen Verein zusammenhält und trägt? Ich habe da vielfach einen ungünstigen Eindruck, und zwar, je nichtssagender und floskelhafter, je beliebiger und vorhersehbarer, je langweiliger und vorsichtiger jemand daherkommt.

Personalisierende Wahlkämpfe können meines Erachtens nichts anderes sein, als eine Überforderung. Und ich denke, es bleibt den Normalsterblichen, die der Schoß unserer meritokratischen Gesellschaft so hervorbringt, wenig anderes übrig, als als weiße Leinwand für egal welche werbliche Projektion herhalten zu können. Oder aber – ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert – den verückten Versuch der Echtheit zu unternehmen. Mit dem Nachhall der Verrücktheit, wie beobachtbar.

In der öffentlichen Diskussion (gerade im Internet) Klarnamen zu verwenden, ist gefährlich, weil der Klarname alle Facetten der realen Person miteinander koppelt. Die Abwertung eines Autors – Folge der von Kaufmann beschriebenen strukturellen Knappheit von Anerkennung – ist dann nicht mehr auf eine Position begrenzt, sondern wirkt auf die ganze Biographie.

3. Institutionelle Entpersonalisierung und Anerkennungspolitik

Im Kontext politischer Arbeit in politischen Vereinen (Parteien) passiert strukturell dasselbe: Wo Personen unter Klarnamen Träger ganzer Themenfelder werden, schlägt Kritik an Inhalten in Kritik an Personen um, weil Rollen (Funktionen, Mandat, Arbeitskreiszugehörigkeit, Parteizugehörigkeit usw.) mit der Identität der Person verschmelzen.

Ich halte es für sehr plausibel, darin einen wichtigen Grund für die aktuelle strukturelle Schwäche politischer Vereine und ihrer Informationsverarbeitungskapazität zu sehen. Die ehedem geringe Arbeitskapazität dieser Vereine wird nochmals erheblich geschwächt, weil auf die Identität der Personen bezogene Konflikte die Bereitschaft zur Mitarbeit senken oder Zeitressourcen durch Konfliktbearbeitung binden.

Die Verwendung von Klarnamen, ganz gleich ob im Fediverse oder in der Parteiarbeit, zeitigt ein sehr ähnliches Ergebnis: Abwertung trifft nicht Beiträge, sondern Menschen. Mit der Folge von Rückzug, Schweigen und Erschöpfung; seltener und wenig durchhaltbar auch Eskalation. Ich denke, dass ist es, womit unter anderem Michael Blume es zu tun hat.

Der Klarname ist das Gegenteil der Popperschen Trennung zwischen Person und Idee mittels Sprache.

Meine bisherigen Überlegungen zu politischer Arbeit sind insofern schon immer entpersonalisierend: Themen vor Personen, Material vor Meinung, Prozess vor Prestige. Die Überlegung, einen Arbeitsprozess zu entwerfen und mit ihm Rollen, die einer beliebig großen Zahl an Menschen zu ihrem Nutzen und ihrem Vergnügen produktives Mitwirken ermöglicht, ohne persönlich in Gefahr zu geraten, ist eine Anerkennungspolitik, die ohne Personalisierung und Klarnamen auskommt. Die Verwendung von Pseudonymen und das Postulat, den Prozess politischer Arbeit entlang der Wertkette politischer Informationsverarbeitung in den Vordergrund zu rücken, sind beides Techniken zur Verminderung sozialer Reibung, die Sache aus- und durchhaltbar zu machen. Sie sind möglich, weil Anerkennung ohne Klarnamen auskommt.

Mein Parteiarbeits-Modell ist auf Organisationsebene insofern das, was das Pseudonym auf Subjektebene ist: Eine Antwort auf die von Kaufmann beschriebene strukturelle Anerkennungsknappheit und zerstörerische Dynamik personalisierter Abwertung, die gleichzeitig konstruktiv Gebrauch macht von Kaufmanns Hinweis, die Identitätskonstruktion der Vielen zu stabilisieren, indem man Institutionen in Form von annehmbaren und produktiven Rollen im Prozess entwirft und anbietet.

Die Institution eines Informationsbeschaffungs- und Verarbeitungsprozesses in politischen Vereinen, der Rollen zeitigt, die man übernehmen kann, ist also genau das, was ich eingangs etwas despektierlich beschrieben habe: Treibholz, besser: Schwimmhilfen, die wir in rauen Mengen all den Ertrinkenden unserer individualisierten Empörungsgesellschaft zuwerfen können, um uns gemeinsam über Wasser zu halten.

Damit lassen sich viel mehr Menschen integrieren, als die üblichen 4-8 Personen pro Ortsverein oder Unterbezirk einer klassisch subsidiär strukturierten Parteiorganisation.

Bleibt die Frage: Was mache ich konstruktiver Weise mit meiner Klarnamen-Identität im politischen Raum? Gibt es überhaupt einen Moment, die sinnvoll zum Einsatz zu bringen? Oder liegt die Zukunft der Politik vielleicht eher darin, sich ausschließlich unter Pseudonym zu begegnen, weil dem die Höflichkeit inne wohnt, ungestört vom Ansehen der Person über die reinen Ideen ins Gespräch zu kommen? Möglich, dass am Ende nichts peinlicher ist, als Klarnamen.

4. Identitätsarchitektur im Internet und das Soziale dazwischen

Interessant ist, dass spätestens seit der programmatischen Unterscheidung von Benutzern von Computern eine Identitätsarchitektur existiert, die bis heute auch das Internet strukturiert. Sowohl E-Mail-Adressen, als auch Fediverse-Handle, ergeben sich aus der Logik, die „Benutzer*in“ in Verbindung (Englisch „at“, kurz „@“) mit einer „Domaine“ (der Bezeichnung der Maschine) zu bringen, deren Benennung sich zum Zwecke der Zurechenbarkeit an den Namen der Institution anlehnt – mit allen Implikationen:

  • „at“pseudonym“at“instanz.social: voll obfuskierte Identität einer Benutzer*in einer arbiträr benannten Softwareinstanz
  • „at“pseudonym“at“nerds.social: Die Zugehörigkeit der Benutzer*in wird einer Special-Interest-Gruppen zurechenbar
  • „at“pseudonym“at“kirche.social: Kirche als Beispiel solcher Gruppenzugehörigkeit
  • „at“klarname“at“kirche.social: Womöglich der Pfarrer oder Gemeindepfleger?
  • „at“klarname“at“partei.social

Es liegt angesichts dessen in der Luft, sich über die konstruktive und zukünftige wichtige Funktion des „sich bekennens“ Gedanken zu machen.

@hamiller_friendica weist in diesem Zusammenhang auf den Begriff der „Socialitäten“ hin, den er den Arbeiten des Dramatikers Ulf Schmidt zuschreibt:

„Wenn ich Ulf Schmidt richtig verstanden habe, sieht er beispielsweise in den Bündelungsmöglichkeiten durch Personensuchen besondere Herausforderungen. Man werde dadurch unter anderem mit den Identitätsanforderungen einer mittelalterlichen Dorfgemeinschaft konfrontiert, weil eine solche Suchmaschine eben alle öffentlichen Profile einer Person bündelt. Das Multiversum der Socialitäten, das unter verschiedenen Pseudonymen oder doch zumindest auf verschiedenen Plattformen ausgetragen wurde – wird nun plötzlich in ein „Image“ zusammengeführt, das natürlich vorne und hinten inkongruent ist, weil kein gemeinsamer „Kern“, keine einfache „Identität“ vorhanden sei. Seiner Meinung nach kann die Lösung nur aus einer gesamtgesellschaftlichen Debatte rund um die Socialitäten kommen.“ Siehe https://anonsys.net/display/bf69967c-9669-8da9-aa77-d37755649110

Ich knabbere an diesem Begriff der Socialität als einem „Bündel von Verhaltensweisen“, das in spezifischen Kommunikationsbeziehungen gelernt wird. Das ist mir neu und macht mich neugierig, wie das mit Identität als Erzählung zusammenpasst. Bei Identität geht es vermutlich um Orientierung und Prognosefähigkeit. Könnten die Socialitäten nicht als Teil der Identitäten begriffen werden? Immerhin wäre es doch nicht falsch, Socialitäten, die wohl „gelernt“ sind, als biographisch bedingt, als Ergebnis der Sozialisation in spezifischen Kommunikationsbeziehungen zu verstehen.

@hamiller_friendica verweist auf den Begriff der Socialität im Zusammenhang mit einem „Dazwischen“. Der Gebrauch von Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit hänge

„stark davon ab, wie sehr jemand Teil eines öffentlichen Lebens sein will. Die Problematik lässt sich heutzutage nicht mehr als rein privat / öffentlich fassen. Zwischen Privat und Öffentlich gehört – abgeleitet aus dem Begriff des „Social Web“ das Soziale. Dieser Bereich zwischen unserer privaten (scheinbar einheitlichen) Identität und unserer öffentlichen Rolle wird von dem ausgefüllt, was Ulf Schmidt ein Bündel von „Socialities“ nennt.“

Ich entgegne, dass, genau so, wie es wohl Socialitäten gibt, es ja auch Teilöffentlichkeiten gibt. Wo zieht man die Grenze zwischen dem „Privaten“ und dem „Öffentlichen“? Im übrigen finde ich das demokratietheoretisch interessant. Dient „repräsentative Demokratie“ gewissermaßen der Maximierung von Privatheit der Bürger?

5. Deliberation unter Bedingungen der Verschleierung von Identität

Wie die Deliberation, den Informationsbeschaffungs- und -Verarbeitungsprozess, wie politische Arbeit leisten unter der Bedingung, Privatheit im Sinne der Obfuskierung von Identitätserzählungen und Socialitäten zu maximieren? Wie (demokratische) Herrschaft und kollektive politische Kontrolle realisieren, ohne im „öffentlichen Leben“ sichtbar zu werden, weil Sichtbarkeit angreifbar und sanktionierbar macht?

Tatsächlich wäre es sehr attraktiv, wenn das ginge. Im Moment hat die Abwesenheit der ins Private zurückgezogenen bloß zur Folge, dass maximal (selbst-)kontrollierte, im Diskurs durch gezielte Information gesteuerte Einzelpersonen in Gremien mehrheitlich hoch elaborierte Entscheidungen treffen, die den Anschein haben, als könnten das bald künstliche Intelligenzen, der Vorgang der informationalen Vorprägung dieser Entscheidungssituationen durch Partikularinteressen aber im Dunkeln liegt.

Die Abwesenheit der Privatheitmaximierer erzeugt also unter Umständen einerseits ein entpolitisiertes, von der Wirklichkeit der Privatheiten entfremdetes Geschehen, das zugleich den Wunsch des radikalen Mobs mobilisierbar macht, das ganze unverständliche, im privaten als dysfunktional erlebte (oder mangels eigener öffentlicher Teilhabe medial dahingehend verzerrt wahrgenommene) System wie einen gordischen Knoten einfach zu zerschlagen, kaputt zu machen.

Das findet sich so ähnlich übrigens bei Kaufmann, der Exit, Voice und Loyalität identitätstheoretisch erklärt.

6. Der Kampfname als historische Technik politischer Selbstverortung

Ich denke, es lohnt, sich angesichts der bisherigen Überlegung an das historische Phänomen der Pseudonyme und politischer Kampfnamen zu erinnern. Alexander Hamilton, James Madison und John Jay veröffentlichten ihre Verfassungskommentare 1787 unter dem gemeinsamen Namen „Publius“. Willy Brandt hieß gebürtig Herbert Ernst Karl Frahm. Leute wie Sophie Scholl oder Wolf Biermann nutzten ihre Klarnamen.

Ich habe Zweifel, ob die Verwendung von “Klarnamen“ der Sache der deliberativen Demokratie unter allen Umständen dienlich ist. Klarnamen sind keine Sache der Reife zur Demokratie. Eher erscheint mir die Möglichkeit ihrer Verwendung ein Zeichen der Reife der Demokratie.

Die Idee, dass, wer spricht, mit seinem bürgerlichen Namen einstehen soll, hat zwei Seiten:

Erstens geht diese Idee davon aus, es gäbe nur dann Institutionen, denen Moderation gelingt, wenn die hierfür ausreichenden Sanktionsrechte mit der Kenntnis der Klarnamen verbunden ist, sodass ein direkter Durchgriff auf die Person möglich ist. Gelingende Moderation bspw. im Fediverse benötigt aber offenkundig nicht zwingend behördliche Identitätsnachweise.

Die zweite Seite ist, dass angesichts einer eben nicht funktionierenden Moderation und einer eben nicht gelingenden Durchsetzung geltenden Rechts das Vertrauen in das Vermögen der Gesellschaft erschüttert ist, die von einer Person geäußerten Ideen und die Existenzmöglichkeit dieser Person im Sinne Poppers zu entkoppeln. Deshalb verstehe ich sehr gut, warum Michael Blume gleichzeitig für Klarnamen plädiert und den Rückzug antritt.

Die Verwendung von Klarnamen setzt Vertrauen in eine funktionierende rechtsstaatliche Ordnung und das Individuum bejahende politische Kultur sowie gelingende Moderation voraus. Dies alles ist aber weder historisch selbstverständlich, noch scheint das angesichts der Entwicklungen in der Welt gegenwärtig und zukünftig gewiss.

Allerdings vermute ich hier noch ein weiteres: Die freie Entscheidung für die Verwendung des eigenen Klarnamens zeugt von Heldenmut, den die Demokratie womöglich braucht. Denn am Ende wird man nicht umhin kommen, Gesicht zu zeigen, sobald man von seinem passiven Wahlrecht Gebrauch machen möchte.

Dennoch: Oppositionelle und demokratische Bewegungen arbeiteten über lange Zeiträume hinweg mit Pseudonymen und Kampfnamen. Diese waren keine Pose, sondern politische Technik. Unter Bedingungen staatlicher Repression unterbrach das Pseudonym des Autors oder der Kampfname des politischen Aktivisten die Kopplung zwischen politischer Äußerung und polizeilichem Zugriff. Er entkoppelte Person und Verfolgungsapparat. Zugleich war er Mittel der Selbstverortung. Der neue Name markierte Zugehörigkeit und band das Subjekt an eine politische Rolle. Er war nicht nur Tarnung, sondern bewusste Identitätskonstruktion – oft ein Bruch mit Herkunft und Biographie zugunsten einer neuen, politischen Erzählung.

Die Gegenwart unterscheidet sich. In liberalen Rechtsordnungen droht meist keine unmittelbare Verfolgung. Die Risiken liegen eher in sozialer Sanktion – bspw. beruflicher Benachteiligung. Und zwar unter den verschärften Bedingungen digitaler Dauerarchivierung. Man denke an jüngste Entwicklungen, in denen politische oder weltanschauliche Positionierungen wieder zum Gegenstand administrativer Prüfungen werden.

Die Mechanismen der Macht mögen heute weniger brutal sein, als im 18., 19. und 20. Jahrhundert. Doch die Struktur bleibt vergleichbar: Öffentlichkeit ist kein ungefährlicher Ort. Der bürgerliche Name koppelt freie Meinungsäußerungen an Erwerbsbiographie, Familie und soziale Einbindung. Gerade die auf die Effekte der Emotionalisierung, Skandalisierung und Personalisierung rechnenden Medienunternehmen und algorithmisch kuratierten Unterhaltungsapps schöpfen aus der Kritik an einer Position mit den Mitteln ihrer Abwertung zum Zwecke der Aufwertung anderer.

Während historisch der politische Kampfname eine neue Totalidentität etablierte, dient das Pseudonym im Fediverse meist bloß als Filter. Es ersetzt den bürgerlichen Namen nicht, sondern blendet Teile aus. Es ermöglicht politische Sichtbarkeit, ohne die gesamte Biographie preiszugeben. Es geht nicht um die Unmöglichkeit der Rückführbarkeit auf die juristisch greifbare Person. Es ist geht um die Organisation von Identität unter den Bedingungen fragmentierter Öffentlichkeit. Es ist eine Verschleierung, die die Transaktionskosten für die Bullys erhöht.

Leider wirkt der Mechanismus aber nicht nur zum Schutz vor Bullys. Pseudonymität wird nämlich dort problematisch, wo sie zum Ausgangspunkt von Aggression wird. Zur Deckung für den Beleidigenden. Die um das sachliche Argument bemühte Diskussion hält Anonymität aus. Wo jedoch das Gegenüber unter Klarnamen antritt, entsteht bewußt gewählte Ungleichheit. „Wer sich einsetzt, setzt sich aus“, schrieb Erich Kästner. Es ist dann geboten, mit gleichem Maß an Exponiertheit zu antworten, aus Respekt vor der gegenseitigen Verletzlichkeit. Zugleich hat, wer aus der Deckung der Anonymität heraus auf Schmähung, Beleidigung und Verletzung aus ist, sein Recht auf Beteiligung verwirkt. Genau dann muss Moderation im Sinne der geltenden Gesetze greifen und wirken.

7. Fazit

Die Nutzung eines Pseudonyms entbindet nicht von der moralischen Verantwortung für das eigene Handeln gegenüber dem Anderen. Der Angriff auf die Person ist stets falsch – nicht jedoch die kritische Auseinandersetzung mit ihrem Argument. Diese Unterscheidung bildet das Minimum an moralischer Selbstbindung, das jeder leisten muss, wenn er nicht ausgeschlossen werden will.

Die Forderung nach Klarnamen aber halte ich für nicht zielführend. Der bürgerliche Name ist keine neutrale Form der Verantwortlichkeit, sondern eine institutionelle Kopplungstechnik mit spezifischen Zumutungen. In der Geschichte gibt es mannigfache Beispiele, dass Pseudonyme und Kampfnamen die legitime Antwort auf existenzielle Bedrohungen gewesenn sind. Das digitale Pseudonym ist eine Antwort auf die diffuse Anerkennungsunsicherheit unter den Bedingungen individualisierter Gesellschaft. Die Verunsicherung derer, die sich Klarnamen wünschen, resultiert aus der Ahnung, dass das digitale Pseudonym heute rasch zur Vorform dessen werden kann, was früher die politischen Kampfnamen gewesen sind.

Die Frage lautet, unter welchen Macht- und Anerkennungsbedingungen welche Identitätsarchitektur politische Teilhabe ermöglicht. Die Geschichte der Pseudonyme und Kampfnamen erinnert daran, dass Namen institutionelle Arrangements zwischen Person, Macht und Öffentlichkeit sind; dass der Name selbst eine politische Institution ist.

Doch mit dieser Feststellung ist die Frage noch nicht beantwortet, wie unter gegenwärtigen Bedingungen politische Deliberation praktisch organisiert werden kann.

Wenn politische Sichtbarkeit mit sozialen Risiken verbunden ist, erscheint es plausibel, politische Teilhabe nur noch unter Bedingungen maximaler Identitätsverschleierung zu organisieren. Pseudonymität ermöglicht Schutz vor biographischer Kopplung und kann damit Beteiligung stabilisieren. Vollständige Privatheitsmaximierung jedoch erzeugt ein neues Problem: Wenn diejenigen, die ihre alltäglichen Erfahrungen einbringen könnten, sich aus Sorge vor Sanktionen zurückziehen, verbleiben im sichtbaren politischen Raum vor allem institutionell abgesicherte oder strategisch kontrollierte Akteure. Deliberation verliert dann die Breite der gesellschaftlichen Perspektiven.

Demokratische Deliberation benötigt daher Verantwortlichkeit – jedoch nicht zwingend in Form bürgerlicher Identifizierbarkeit. Verantwortlichkeit kann auch institutionell vermittelt sein, etwa durch Moderation, Rollen und Verfahren. Die Frage ist somit nicht, ob Identität verschleiert werden darf, sondern wie politische Beteiligung unter Bedingungen partieller Obfuskation institutionell gesichert werden kann.

4 Gedanken zu „Überlegungen zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gebrauchs von Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit des Fediverse.

  1. Michael Blume

    @florian

    Herzlichen Dank für Deine intensiven & tiefen Gedanken zu Klarnamen! 🙌

    Zu meinen persönlichen und sicher auch prägenden Erfahrungen der letzten Jahre gehören nicht nur dauernde Angriffe gegen meinen Namen, sondern auch jahrelange Beklagungen. 👇

    Auch deswegen habe ich volles Verständnis für Pseudonyme & lehne eine Klarnamenpflicht ab. Doch ich würde mir mehr Nachdenklichkeit dazu wünschen, wie Du sie lebst. 🙏

    @hamiller_friendica https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.urteil-in-mannheim-rechter-blog-scheitert-vor-gericht.d4eab64c-5502-4a8c-b27e-432858eb1dbe.html

  2. Carmilla DeWinter

    @florian Kluger Artikel, danke.
    Ich bin hier mit (eingetragenem) Pseudonym unterwegs – weil ich die Person im weißen Kittel und die Aktivistin getrennt halten möchte. Dank sozialem Standing und relativ geringer Reichweite bin ich damit bisher gut gefahren.
    Was mir dazu so einfällt: Fanfiction wäre unmöglich, wenn ein Arbeitgeber allen Konten hinterherstöbern könnte.
    Kein trans Jugendliches aus einer konservativen Familie könnte sich in einem Forum oder sonst wo gefahrlos Infos suchen. Etc.pp.

  3. zotheca

    @Plinubius Was ist denn da überhaupt abgelaufen? Das letzte, was er als Angriff dargestellt hat, waren Hinweise, ob er nicht diskriminierungsfrei posten kann, was er dann als Belästigung dargestellt hat.

  4. DerJoshDer

    @hamiller_friendica @florian
    Es ist wie so oft, Vor- und Nachteile sind abzuwägen. Manch einer kommt unter Pseudonym daher, um ungestraft Hass und Häme zu verbreiten, andere müssen sich durch Decknamen schützen, obwohl sie nur ihr verbrieftes Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ausüben.
    @BlumeEvolution
    Ich bewundere aber auch Deinen Mut und bin überzeugt, dass Du deutlich mehr Fans hast als Trolle. Letztere sind nur lauter und vermutlich mit weniger kritischem Geist gesegnet.

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