CiviCRM zu verstehen und anzuwenden wird deutlich erleichtert, wenn man zwischen zwei unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Ebenen unterscheidet: der Anwendungsebene und der Orchestrierungsebene. Beide Ebenen strukturieren den Umgang mit dem System. Zwei weitere Perspektiven kommen hinzu: Erstens die Beschreibung konkreter Aufgabenstellungen (Use Cases), die mit CiviCRM bewältigt werden. Zweitens die Beobachtung tatsächlich entstandener Nutzungsmuster, die sich als Trampelpfade (Desire Paths) beschreiben lassen. Zusammengenommen bilden diese vier Perspektiven – Anwendungsebene, Orchestrierungsebene, Use Cases und Trampelpfade – ein Schichtenmodell, das es ermöglicht, die Struktur und Nutzung von CiviCRM verständlich zu machen. Die Anwendungsebene beantwortet dabei die Frage: „Was will ich tun?“ Zum Beispiel „Kontakte verwalten“ oder „ein Rundschreiben versenden“ oder „Zuwendungsbestätigungen erstellen“. Die Orchestrierungsebene beantwortet die Frage: „Wie kann ich das Zusammenspiel zwischen Daten und Funktionen der Anwendungsebene gestalten?“ Use Cases und Trampelpfade ergänzen diese Perspektiven um die Frage: „Wie wird es tatsächlich gemacht?“. Jede Heranführung an das System muss sich außerdem der Frage stellen, wie dauerhaft die auf diese Weise identifizierten Pfade in einem sich verändernden System sind, welche Rolle KI bei ihrer Erkennung, Vermittlung und möglichen Re-Proprietarisierung der Software spielt und wer die Kosten trägt, die kollektive Wissensinfrastruktur bereitzustellen, um das Wissen um erprobte Lösungen bereitzustellen, die Anwender*innen als auch KI als Referenz dient. Weiterlesen
Auf Trampelpfaden durch CiviCRM. Use-Cases, Aneignungsfähigkeit und kollektive Wissensinfrastruktur
CiviCRM ist eine freie Open-Source-Software für „Constituent Relationship Management“ oder auch „Citizen Relationship Management“, also für die Arbeit mit Kontakten und mit Vorgängen, die mit Kontakten in Verbindung stehen. CiviCRM stellt sehr viele mächtige Werkzeuge bereit, macht jedoch kaum Vorschläge zu Zwecksetzungen oder Arbeitsweisen.
Obwohl die Software seit über zwanzig Jahren entwickelt und weltweit eingesetzt wird, bleibt ihre praktische Aneignung bislang voraussetzungsvoll. Die Software ist nicht instruktiv. Mächtig wird sie vor allem in den Händen derjenigen, die bereits über das Wissen und die Methoden verfügen, wie und wozu solche Software eingesetzt wird. Entsprechend ist die vorhandene Dokumentation überwiegend feature-zentriert und entfaltet sich nur begrenzt entlang der Beschreibung einer realen Nutzungswirklichkeit.
Dieses Papier greift meine Überlegungen „Zur Überwindung einer suboptimalen Versorgung mit freier Open-Source-Software am Beispiel von CiviCRM“ auf. Weil eine Darstellung typischer Wege fehlt, wie Menschen ohne Vorkenntnisse organisatorische Probleme im Alltag mit CiviCRM lösen, bleiben Verbreitung und Nutzung der Software unter ihren Möglichkeiten.
Ich schlage daher zur Beschreibung funktionierender Wege der Nutzung den Begriff des „Trampelpfads“ („Desire Path“) als Leitmetapher vor. Weiterlesen
Zur Überwindung einer suboptimalen Versorgung mit freier Open-Source-Software am Beispiel von CiviCRM
[Abtract] Der Text untersucht die suboptimale Versorgung mit freier Open-Source-Software (FOSS) am Beispiel von CiviCRM, einer seit 20 Jahren weltweit für und von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) entwickelten Software für Constituent-Relationship-Management, die innerhalb der EU über ein hohes Marktpotential verfügt und bereits von Tausenden NGO innerhalb der EU genutzt wird. Die Suboptimalität der Versorgung mit CiviCRM wird im Text weder als temporäres Defizit noch als Ergebnis individuellen Versagens verstanden, sondern als stabiler Entwicklungspfad, der aus rationalen Einzelentscheidungen der beteiligten Akteure hervorgeht. Analytisch wird zwischen der Versorgung mit Softwarefunktionen und der Aneignungsfähigkeit der Software unterschieden. Der Text gliedert sich in vier Schritte: Er beschreibt zunächst eine beobachtbare Suboptimalität von Nutzung und Verbreitung, erklärt diese als emergentes Resultat rationaler Entscheidungen im Sinne des Kollektivgutproblems nach Mancur Olson und diskutiert anschließend institutionelle Governance-Ansätze in Anlehnung an Elinor Ostrom zur Überwindung der Suboptimalität. Ziel dieser Analyse ist es, das bislang nicht gehobene Wohlfahrtspotential der Software sichtbar zu machen und Ansatzpunkte zu identifizieren, mit denen dieses unter realistischen institutionellen Bedingungen gehoben werden kann. In einem Exkurs wird die bestehende Governance-Struktur von CiviCRM rekonstruiert und hinsichtlich ihrer Reichweite, Repräsentativität und Leistungsfähigkeit eingeordnet. Ergänzend enthält er eine Risikoanalyse mit Blick auf die geopolitische und rechtliche Verankerung zentraler Elemente der Governance von CiviCRM in den USA sowie einen explorativen Versuch, das Ausmaß der suboptimal gebundenen Ressourcen und Wohlfahrtspotenziale zumindest näherungsweise zu quantifizieren. Abschließend wird die bestehende Situation nicht nur als strukturelles Problem, sondern auch als strategische Chance interpretiert: insbesondere für Implementierungsagenturen, die durch standardisierte Leistungen, Skalierung und eine konstruktive Einbindung in Governance-Strukturen zur Transformation des bestehenden Entwicklungspfades beitragen können. Weiterlesen
Überlegungen zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gebrauchs von Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit des Fediverse.
Der Anlass für diesen Versuch ist die Ankündigung von Michael Blume am 27.01.2026, seine Serie des „morgendlichen Tässle Kaffee“ auf Mastodon zu beenden. Er schreibt, er stelle sich „mit Klarnamen täglich Anwürfen und Angriffen anonymer Accounts“ und beende seine jahrelange Serie als Zeichen stillen Protests in Folge der Attacken gegen ihn am Holocaust-Gedenktag. Dieser Vorgang macht mich betroffen und weckt in mir den Wunsch, ihm beizuspringen. Mehr noch aber führt Michael mir vor Augen, wie dringend es ist, hinsichtlich des Gebrauchs von Klarnamen, Pseudonymen und Kampfnamen begrifflich Klarheit zu gewinnen. Diese Klärung ist Ziel dieses Essays. Der bürgerliche Name stellt keine neutrale Form politischer Verantwortlichkeit dar, sondern er stellt eine institutionelle Kopplung zwischen Person, Biographie und politischer Äußerung her – mit erheblichen Folgen für Anerkennung, Konfliktverarbeitung und demokratische Deliberation. Es hat Gründe, warum Willy Brandt nicht als Herbert Ernst Karl Frahm in Erinnerung ist. Mein Ausgangspunkt ist, Identität als fragile Erzählung zu begreifen. In einer individualisierten Gesellschaft wird gerade dadurch jede politische Äußerung zum persönlichen Risiko. Denn die Poppersche Trennung von Person und Idee ist nicht gesichert. Pseudonymität und institutionelle Entpersonalisierung verstehe ich deshalb als Technik, politische Teilhabe zu stabilisieren. Das zeigt gerade der Blick auf Pseudonyme und Kampfnamen in der Geschichte. Namensführung verhält sich stets eben auch zur Struktur von Öffentlichkeiten. Weiterlesen
Anleitung zum politischen Arbeiten mit CiviCRM
Dies ist eine möglichst knappe und um Verständlichkeit bemühte Anleitung, wie man als Benutzer*in mit Hilfe der Kontaktverwaltung und der Fallmanagement-Funktion von CiviCRM gemeinsam mit anderen Themen in z.B. kommunalpolitischen Handlungsfeldern bearbeitet. Weiterlesen
Weiterführende Überlegungen zu Issue Management mittels CiviCRM in kommunalpolitischen Arenen
Ausgangspunkt der dargelegten Überlegungen ist die laufende Konfiguration einer CiviCRM Standalone-Instanz im Projekt unter https://worms.social auf der Grundlage meiner Erörterung einer Umsetzung eines Stakeholder- und Issue Managements mit CiviCRM. Die konkrete Instanz soll dem Stakeholder- und Issue Management in der kommunalen Arena dienen sowie der Organisation und der Durchführung von Aktionen. Handlungsleitend ist hier die Idee, dass der Aufbau einer im Fediverse föderierenden Struktur lokaler Öffentlichkeit wie #WormsSocial kein Selbstläufer ist, sondern dass ein Onboarding interessierter Kreise einer kommunalen Arena im Fediverse aktiv gesteuert werden muss, wobei CiviCRM das Arbeitsmittel für diesen Prozess ist. Weiterlesen
Umsetzung eines Stakeholder- und Issue Managements mit CiviCRM
In diesem Essay beschreibe ich, wie Mitglieder eines politischen Vereins (z.B. einer politischen Partei, eines Verbands, einer Initiative, usw.), politisch ambitionierte Personen, Social Entrepreneure oder Mitarbeiter*innen partikularinteressenvertretender Agenturen, „Constituent Relationship Management“ oder auch „Citizen Relationship Management“ mittels der Software CiviCRM nutzen können, um (1) Organisationen und Personen als Anspruchshalter (stakeholder) in politischen Arenen zu erfassen und (2) deren Ansprüche (stakes) in Arenen oder an Themen (issues), die in diesen Arenen bearbeitet werden. CiviCRM wird dabei zu einem Teil der alltäglich genutzten Infrastruktur politischer Arbeit, in der eine beliebige Anzahl an Nutzer*innen in unterschiedlichen Rollen zu einer beliebigen Anzahl an Themen und Ereignissen zusammenarbeiten können.
Zur Reform der politischen Parteien
Ich versuche im Folgenden die Informationsverarbeitungsleistung einer politischen Partei als ihre eigentlich interessante und wesentliche „demokratische“ Funktion herauszustellen. Ich vertrete die These, dass ca. bis in die 1980er Jahre dies ihr Wesenskern gewesen ist. Die Entwicklung seither ist im Grunde eine Art von Verfall und Bedeutungsverlust. Ich frage mich, wie wir zum informationsverarbeitenden Wesenskern des politischen Vereins zurückkehren und stelle dazu eine erste Überlegung an. Weiterlesen
Digitale Infrastruktur von Bündnis 90 / Die Grünen als Rahmen individueller Teilhabe an der Wertkette politischer Arbeit
In diesem Versuch schaue ich mir die digitale Infrastruktur der Partei Bündnis 90 / Die Grünen genauer an. Ich lasse mich dabei von der Frage leiten, inwiefern diese digitale Infrastruktur und die in ihr erkennbar werdenden Prozessideen geeignet sind, einer einzelnen Person einen organisatorischen Rahmen für die eigene politische Arbeit innerhalb der Wertkette politischer Arbeit 1 zu geben und am informationswirtschaftlichen Wertschöpfungsprozess (#IWP) der Demokratie teilzuhaben. Ich erhoffe mir dadurch zweierlei: Erstens will ich mich auf Ideen bringen lassen, was da ist und was ich damit anstellen kann. Zweitens will ich mich versichern, dass in dem Moment, in dem ich Fehlstellen oder Ergänzungsmöglichkeiten beschreiben will, ich mir nicht vorwerfen muss, entsprechend bereits vorhandene Möglichkeiten nicht zu kennen oder übersehen zu haben. Weiterlesen
Tägliche Teilhabe an politischer Arbeit sollte wie kochen mit Freunden sein, wie Federball spielen, wie ein Chat bei Mastodon
Der folgende Versuch ist eine Vorüberlegung zur Diskussion der (digitalen) Infrastruktur und den Prozessidee(n) eines politischen Vereins. Ich stelle hier den roten Faden einer Diskussion zusammen, die sich im Verlauf der letzten ca. 12 Monate herauskristallisiert. Mich beschäftigt die Idee, dies sinnvoll zu verknüpfen mit einer ausführlichen Analyse des „Toolzoos“ der Partei Bündnis90 / die Grünen.1 Wenn ich mir überlege, wie absurd wenige Menschen in Parteien sind und wenn ich dann beobachte, wieviele Leute Karteileiche sind oder gar ausgetreten, dann frage ich mich: Ist es wirklich so schwer, einen politischen Verein zu erschaffen, der dauerhaft allen Freude macht, weil er kategorisch anders funktioniert, als diese stereotypen Organisationen?2 Weiterlesen
