Zur Überwindung einer suboptimalen Versorgung mit freier Open-Source-Software am Beispiel von CiviCRM

[Abtract] Der Text untersucht die suboptimale Versorgung mit freier Open-Source-Software (FOSS) am Beispiel von CiviCRM, einer seit 20 Jahren weltweit für und von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) entwickelten Software für Constituent-Relationship-Management, die innerhalb der EU über ein hohes Marktpotential verfügt und bereits von Tausenden NGO innerhalb der EU genutzt wird. Die Suboptimalität der Versorgung mit CiviCRM wird im Text weder als temporäres Defizit noch als Ergebnis individuellen Versagens verstanden, sondern als stabiler Entwicklungspfad, der aus rationalen Einzelentscheidungen der beteiligten Akteure hervorgeht. Analytisch wird zwischen der Versorgung mit Softwarefunktionen und der Aneignungsfähigkeit der Software unterschieden. Der Text gliedert sich in vier Schritte: Er beschreibt zunächst eine beobachtbare Suboptimalität von Nutzung und Verbreitung, erklärt diese als emergentes Resultat rationaler Entscheidungen im Sinne des Kollektivgutproblems nach Mancur Olson und diskutiert anschließend institutionelle Governance-Ansätze in Anlehnung an Elinor Ostrom zur Überwindung der Suboptimalität. Ziel dieser Analyse ist es, das bislang nicht gehobene Wohlfahrtspotential der Software sichtbar zu machen und Ansatzpunkte zu identifizieren, mit denen dieses unter realistischen institutionellen Bedingungen gehoben werden kann. In einem Exkurs wird die bestehende Governance-Struktur von CiviCRM rekonstruiert und hinsichtlich ihrer Reichweite, Repräsentativität und Leistungsfähigkeit eingeordnet. Ergänzend enthält er eine Risikoanalyse mit Blick auf die geopolitische und rechtliche Verankerung zentraler Elemente der Governance von CiviCRM in den USA sowie einen explorativen Versuch, das Ausmaß der suboptimal gebundenen Ressourcen und Wohlfahrtspotenziale zumindest näherungsweise zu quantifizieren. Abschließend wird die bestehende Situation nicht nur als strukturelles Problem, sondern auch als strategische Chance interpretiert: insbesondere für Implementierungsagenturen, die durch standardisierte Leistungen, Skalierung und eine konstruktive Einbindung in Governance-Strukturen zur Transformation des bestehenden Entwicklungspfades beitragen können. Weiterlesen

Überlegungen zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gebrauchs von Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit des Fediverse.

Der Anlass für diesen Versuch ist die Ankündigung von Michael Blume am 27.01.2026, seine Serie des „morgendlichen Tässle Kaffee“ auf Mastodon zu beenden. Er schreibt, er stelle sich „mit Klarnamen täglich Anwürfen und Angriffen anonymer Accounts“ und beende seine jahrelange Serie als Zeichen stillen Protests in Folge der Attacken gegen ihn am Holocaust-Gedenktag. Dieser Vorgang macht mich betroffen und weckt in mir den Wunsch, ihm beizuspringen. Mehr noch aber führt Michael mir vor Augen, wie dringend es ist, hinsichtlich des Gebrauchs von Klarnamen, Pseudonymen und Kampfnamen begrifflich Klarheit zu gewinnen. Diese Klärung ist Ziel dieses Essays. Der bürgerliche Name stellt keine neutrale Form politischer Verantwortlichkeit dar, sondern er stellt eine institutionelle Kopplung zwischen Person, Biographie und politischer Äußerung her – mit erheblichen Folgen für Anerkennung, Konfliktverarbeitung und demokratische Deliberation. Es hat Gründe, warum Willy Brandt nicht als Herbert Ernst Karl Frahm in Erinnerung ist. Mein Ausgangspunkt ist, Identität als fragile Erzählung zu begreifen. In einer individualisierten Gesellschaft wird gerade dadurch jede politische Äußerung zum persönlichen Risiko. Denn die Poppersche Trennung von Person und Idee ist nicht gesichert. Pseudonymität und institutionelle Entpersonalisierung verstehe ich deshalb als Technik, politische Teilhabe zu stabilisieren. Das zeigt gerade der Blick auf Pseudonyme und Kampfnamen in der Geschichte. Namensführung verhält sich stets eben auch zur Struktur von Öffentlichkeiten. Weiterlesen

Weiterführende Überlegungen zu Issue Management mittels CiviCRM in kommunalpolitischen Arenen

Ausgangspunkt der dargelegten Überlegungen ist die laufende Konfiguration einer CiviCRM Standalone-Instanz im Projekt unter https://worms.social auf der Grundlage meiner Erörterung einer Umsetzung eines Stakeholder- und Issue Managements mit CiviCRM. Die konkrete Instanz soll dem Stakeholder- und Issue Management in der kommunalen Arena dienen sowie der Organisation und der Durchführung von Aktionen. Handlungsleitend ist hier die Idee, dass der Aufbau einer im Fediverse föderierenden Struktur lokaler Öffentlichkeit wie kein Selbstläufer ist, sondern dass ein Onboarding interessierter Kreise einer kommunalen Arena im Fediverse aktiv gesteuert werden muss, wobei CiviCRM das Arbeitsmittel für diesen Prozess ist. Weiterlesen

Umsetzung eines Stakeholder- und Issue Managements mit CiviCRM

Issues im Kontext von Organisationen, Personen, Gremien und ArenenIn diesem Essay beschreibe ich, wie Mitglieder eines politischen Vereins (z.B. einer politischen Partei, eines Verbands, einer Initiative, usw.), politisch ambitionierte Personen, Social Entrepreneure oder Mitarbeiter*innen partikularinteressenvertretender Agenturen, „Constituent Relationship Management“ oder auch „Citizen Relationship Management“ mittels der Software CiviCRM nutzen können, um (1) Organisationen und Personen als Anspruchshalter (stakeholder) in politischen Arenen zu erfassen und (2) deren Ansprüche (stakes) in Arenen oder an Themen (issues), die in diesen Arenen bearbeitet werden. CiviCRM wird dabei zu einem Teil der alltäglich genutzten Infrastruktur politischer Arbeit, in der eine beliebige Anzahl an Nutzer*innen in unterschiedlichen Rollen zu einer beliebigen Anzahl an Themen und Ereignissen zusammenarbeiten können.

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Zur Reform der politischen Parteien

Ich versuche im Folgenden die Informationsverarbeitungsleistung einer politischen Partei als ihre eigentlich interessante und wesentliche „demokratische“ Funktion herauszustellen. Ich vertrete die These, dass ca. bis in die 1980er Jahre dies ihr Wesenskern gewesen ist. Die Entwicklung seither ist im Grunde eine Art von Verfall und Bedeutungsverlust. Ich frage mich, wie wir zum informationsverarbeitenden Wesenskern des politischen Vereins zurückkehren und stelle dazu eine erste Überlegung an. Weiterlesen

Digitale Infrastruktur von Bündnis 90 / Die Grünen als Rahmen individueller Teilhabe an der Wertkette politischer Arbeit

In diesem Versuch schaue ich mir die digitale Infrastruktur der Partei Bündnis 90 / Die Grünen genauer an. Ich lasse mich dabei von der Frage leiten, inwiefern diese digitale Infrastruktur und die in ihr erkennbar werdenden Prozessideen geeignet sind, einer einzelnen Person einen organisatorischen Rahmen für die eigene politische Arbeit innerhalb der Wertkette politischer Arbeit 1 zu geben und am informationswirtschaftlichen Wertschöpfungsprozess (#IWP) der Demokratie teilzuhaben. Ich erhoffe mir dadurch zweierlei: Erstens will ich mich auf Ideen bringen lassen, was da ist und was ich damit anstellen kann. Zweitens will ich mich versichern, dass in dem Moment, in dem ich Fehlstellen oder Ergänzungsmöglichkeiten beschreiben will, ich mir nicht vorwerfen muss, entsprechend bereits vorhandene Möglichkeiten nicht zu kennen oder übersehen zu haben. Weiterlesen

Tägliche Teilhabe an politischer Arbeit sollte wie kochen mit Freunden sein, wie Federball spielen, wie ein Chat bei Mastodon

Der folgende Versuch ist eine Vorüberlegung zur Diskussion der (digitalen) Infrastruktur und den Prozessidee(n) eines politischen Vereins. Ich stelle hier den roten Faden einer Diskussion zusammen, die sich im Verlauf der letzten ca. 12 Monate herauskristallisiert. Mich beschäftigt die Idee, dies sinnvoll zu verknüpfen mit einer ausführlichen Analyse des „Toolzoos“ der Partei Bündnis90 / die Grünen.1 Wenn ich mir überlege, wie absurd wenige Menschen in Parteien sind und wenn ich dann beobachte, wieviele Leute Karteileiche sind oder gar ausgetreten, dann frage ich mich: Ist es wirklich so schwer, einen politischen Verein zu erschaffen, der dauerhaft allen Freude macht, weil er kategorisch anders funktioniert, als diese stereotypen Organisationen?2 Weiterlesen

Politik als Arbeitsprozess. Teil 1: Mein Platz in der Wertkette

Ich überlege mir seit geraumer Zeit, wie es gelingen kann, eine im Prinzip beliebig große Anzahl von Personen in einen für alle dauerhaft produktiven und interessanten Prozess politischer Arbeit zu bringen. Drei Modelle bieten dabei meines Erachtens Orientierung, Politik als Arbeitsprozess zu verstehen, darin eigene Rollen und Aufgaben zu erkennen und eine mögliche Arbeitsweise zu beschreiben. Erstens lohnt es sich, nach der Wertkette der politischen Arbeit Ausschau zu halten, um die Arbeitsweise der handelnden oder betroffenen Akteure zu analysieren. Mit der Frage nach der Wertkette wird sehr gut verständlich, was in einer Partei, in einem Verband, einem Medienunternehmen, in einer Redaktion oder auch in einer Lobbyagentur geschieht (oder, interessant für disruptiv interessierten „politischen Unternehmer“, unterbleibt). Diese Betrachtungsweise hilft zu verstehen, einen Ansatz für die eigene Arbeit und den Wert dieser Arbeit zu erkennen. Auch ist das entscheidend, um das Bedürfnis nach einem organisatorischen Rahmen der eigenen politischen Arbeit zu verstehen und sich einen solchen Rahmen entsprechend zu suchen oder zu schaffen. Zweitens hilft die Kenntnis des Konzepts der Politikfeldanalyse und des von ihr vorgeschlagenen Politikzyklus-Modells, Politik als eine sinnvoll und geordnet in Arenen ablaufende, themenbezogene Sache zu verstehen. Politikfeldanalyse macht politische Arbeit als Informationsbeschaffungs- und -verarbeitungsprozess überhaupt erst strukturierbar. Aufbauend auf dem Konzept der Politikfeldanalyse bieten drittens die Methoden und Techniken politischer Arbeit des Public Affairs Ansatzes konkrete Anleitung für politische Arbeit. Der nachfolgende Text erörtert die Idee, Politik als informationswirtschaftliche Wertschöpfungskette zu betrachten und die Wertketten im Sinne Michael E. Porters zu untersuchen. Weiterlesen

Galtung, Johan: Struktur, Kultur und intellektueller Stil. Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft.

In: Wierlacher, Alois (Hg.): Das Fremde und das Eigene: Prolegomena zu einer interkulturellen Germanistik. München (Iudicium-Verlag) 1985, S.151-196 [Ablage Nr.1183]

[Exzerpt]

Der Herausgeber betont in einer Vorbemerkung zum Aufsatz, dass er ihn in der Hoffnung abdruckt, „dass uns der ebenso launige wie bedenkenswerte Vortrag zur näheren Erforschung und zur Tolerierung der kulturellen Unterschiede auch des wissenschaftlichen Redens und Schreibens anregt.“ Mit den Worten der Freien Universität zu Galtungs Ausführungen setzt er hinzu: „Kein Streit wird darüber aufkommen, dass […] Rücksichtnahme […] fremder Lebensgewohnheiten zu den Vorbedingungen gehört, das Nebeneinander von […] Menschen […] erträglich oder auch nur denkbar zu machen. Die Wissenschaftler […] tun gut daran, mit dieser Einsicht bei sich selber anzufangen.“ (151) Weiterlesen